Virginia Giuffre war eines der bekanntesten Opfer von Jeffrey Epstein und hatte auch den früheren Prinzen Andrew wegen sexuellen Missbrauchs verklagt. Im April 2025 starb sie mit 41 Jahren. Nun hat ihr Ehemann Robert Giuffre, von dem sie zuletzt getrennt lebte, in Australien den Fernsehsender Nine und ihre Anwältin Karrie Louden wegen Verleumdung verklagt. In einer Nine-Sendung über ihre letzten Lebensmonate hatten Angehörige und Vertraute ihm Gewalt in der Ehe vorgeworfen, was er bestreitet.
Die Klage liegt beim Supreme Court von Western Australia, dem höchsten Gericht des Bundesstaats. Es geht um die Folge „Virginia’s Final Wish“ der australischen Ausgabe von „60 Minutes“ vom September 2025. Die Aussagen über Robert Giuffre und seine Ehe seien „falsch, haltlos und böswillig“ gewesen und hätten seinem Ruf in Australien und weltweit geschadet, heißt es in der Klageschrift. Er verlangt Schadenersatz und Unterlassung.
Schon im Januar 2026 hatte er Nine und Louden eine sogenannte Concerns Notice geschickt, nach australischem Recht der erste Schritt zu einer Verleumdungsklage. Die Redaktionsleiterin von „60 Minutes“, Kirsty Thomson, erklärte daraufhin, die Sendung stehe zu ihrer Berichterstattung. Louden, die in der Sendung auftrat, lehnte eine Stellungnahme ab.
Zu Nine gehören auch „The Age“ und der „Sydney Morning Herald“. Deren Magazin „Good Weekend“ hat Virginia Giuffres letzte Monate anhand von Gerichtsakten und Gesprächen mit Dutzenden Menschen rekonstruiert.
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Die Vorwürfe und Robert Giuffres Antwort
Die Sendung befasste sich auch mit einem Polizeieinsatz im März 2015 in Colorado, wo die Familie damals lebte. Der Polizeibericht wurde im Dezember 2025 mit einer Tranche der Epstein-Akten öffentlich. Giuffre gab darin an, ihr Mann habe den Familienhund geschlagen und dann mehrmals mit der Faust auf sie eingeschlagen, als sie dazwischenging. Er wurde festgenommen und sagte dem Beamten, er habe sie bei dem Gerangel mit dem Hund aus Versehen getroffen.
Interviewanfragen von „Good Weekend“ lehnte Robert Giuffre ab. Auf die Vorwürfe angesprochen, ließ er über seinen Anwalt erklären, der Druck der Öffentlichkeit habe bei seiner Frau zu erheblichen psychischen Problemen und zu übermäßigem Gebrauch verschreibungspflichtiger Medikamente geführt. Das könne zu ihrem „Sinneswandel“ beigetragen haben. Er und die Kinder wollten sie als „liebevolle Ehefrau und Mutter“ in Erinnerung behalten.
Der Bruch im Januar 2025
Im Dezember 2024 rief Robert Giuffre nach einem Streit im gemeinsamen Haus in Perth die Polizei. Nach Giuffres eigener Darstellung hatte er sie vor der Tochter beschimpft, worauf sie zuschlug. Die Beamten verhängten eine 72-Stunden-Schutzanordnung gegen sie.
Wenige Wochen später fuhr die Familie zum Geburtstag der Tochter in den Küstenort Dunsborough südlich von Perth. In der Ferienwohnung eskalierte in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar 2025 ein Streit. Giuffre erzählte ihrer Familie, ihr Mann habe ihr ins Gesicht geschlagen und sie in eine Art Würgegriff genommen. In seinem späteren Antrag auf eine Schutzanordnung schrieb Robert Giuffre, sie habe ihn mit Kopfstößen und Fausthieben angegriffen, gekratzt und bespuckt, er habe sich nur geschützt.
Er reiste am nächsten Morgen mit den Kindern ab. Giuffre ging auf Rat der Polizei ins Krankenhaus und schrieb von dort am Abend ihrer Mutter: „Mama, bitte ruf mich an, wenn du wach bist. Rob hat es wieder getan, ich bin im Krankenhaus.“ Gegen ihren Mann verhängte die Polizei noch am 10. Januar eine 72-Stunden-Anordnung, die am 13. Januar auslief.
- 14. Januar 2025, 7.31 Uhr: Aus einem Hotel in Perth schrieb Giuffre ihrer Familie in den USA, sie wolle an diesem Tag vor Gericht gehen und eine dauerhafte Schutzanordnung gegen ihren Mann erwirken.
- Wenige Stunden später: Robert Giuffre kam ihr zuvor und beantragte beim Amtsgericht Perth eine Schutzanordnung gegen sie. Die Richterin erließ diese vorläufig für sechs Monate.
- Am selben Tag: Polizisten überbrachten Giuffre die Anordnung im Hotelzimmer. Sie durfte nicht nach Hause und weder ihren Mann noch die beiden jüngsten Kinder kontaktieren.
Dabei war ihre Pflegerin Cheryl Myers. Die damals 71-Jährige pflegte die wegen eines Wirbelsäulenleidens oft bettlägerige Giuffre rund um die Uhr. „Sie stand völlig unter Schock“, sagte Myers zu „Good Weekend“. „Ich auch.“ Vorläufige Anordnungen wie diese können in Australien erlassen werden, ohne dass die Gegenseite angehört oder vorab informiert wird.
Der Strafverteidiger Nick Terry focht die Anordnung später für Giuffre an. Nach seinen Angaben habe die Anhörung etwa 15 Minuten gedauert, und ihr Mann habe der Richterin nicht gesagt, dass kurz zuvor eine polizeiliche Anordnung gegen ihn selbst gegolten hatte. Dessen Anwalt erklärte, wegen des Verhaltens seiner Frau im Januar 2025 seien Schutzmaßnahmen für ihn und die Kinder notwendig gewesen.
In den Wochen danach rief Giuffre laut Myers mehrfach bei der Polizei an, weil sie sich wegen der Waffen ihres Mannes sorgte. Angeklagt wurde wegen der Nacht in Dunsborough keiner der beiden.
Giuffres letzte Wochen
Weil sie ihrem Mann im Februar 2025 Nachrichten geschickt hatte, wurde Giuffre wegen Verstoßes gegen die Anordnung angeklagt. Auf Instagram schrieb sie am 22. März, sie vermisse ihre Kinder sehr. Sie sei in ihren 41 Jahren durch die Hölle gegangen, aber das tue ihr mehr weh als alles andere.
Ende März postete sie aus dem Krankenhaus ein Foto mit Blutergüssen im Gesicht. Nach einem Unfall mit einem Schulbus habe sie Nierenversagen und nur noch vier Tage zu leben, schrieb sie. Die Polizei sprach von einem leichten Zusammenstoß am 24. März, Verletzte seien nicht gemeldet worden.
Zwei Tage vor ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, am 5. April 2025, machte Giuffre ihre Vorwürfe gegen ihren Mann öffentlich. In einer Erklärung an das US-Magazin „People“ hieß es:
„Nach dem jüngsten körperlichen Angriff meines Mannes kann ich nicht länger schweigen.“
Knapp drei Wochen später, am 25. April 2025, nahm sich Virginia Giuffre auf ihrer Farm in Neergabby nördlich von Perth das Leben. Die Polizei stufte den Tod nach ersten Erkenntnissen als nicht verdächtig ein.
Ihre Familie verlangt Aufklärung
Ihre Brüder Sky Roberts und Danny Wilson wollen wissen, ob die australischen Behörden ihre Schwester im Stich gelassen haben. Sie fragen, warum Robert Giuffre nach der Nacht in Dunsborough nicht angeklagt wurde und wie die Polizei auf die Sorge vor seinen Waffen reagierte. „Ich bin fest überzeugt, dass Virginia noch leben würde, wenn die Polizei gründlich ermittelt hätte“, sagte Sky Roberts im Juni 2026 dem Sender ABC.
Polizeichef Col Blanch bestätigte am selben Tag im Parlament des Bundesstaats, dass die Polizei ihren Umgang mit dem Fall intern überprüft. Jedes Jahr rücke sie zu mehr als 100.000 Fällen häuslicher Gewalt aus.
Inzwischen prüft auch Bevan Warner, der als Ombudsmann Beschwerden über Behörden nachgeht, den Umgang der Polizei mit Giuffre. Er geht der Sorge der Familie nach, sie sei fälschlich als Täterin eingestuft worden, obwohl sie selbst Opfer von Zwangskontrolle gewesen sei, also von systematischer Kontrolle durch den Partner.
Die Familie und 16 Fachleute für häusliche Gewalt haben außerdem eine öffentliche Untersuchung ihres Todes beantragt. Coronerin Ros Fogliani, die in Western Australia unnatürliche Todesfälle untersucht, will darüber erst nach dem Polizeibericht entscheiden.
Der Streit um das Erbe
Ein gültiges Testament hinterließ Giuffre nicht. Myers und Louden, unterstützt von Giuffres Brüdern, berufen sich vor dem Supreme Court auf ein formloses Testament, das Giuffre im Februar 2025 per E-Mail an ihre Buchhalterin geschickt habe. Danach sollte das meiste Geld für die Kinder angelegt werden, bis sie 25 sind, und ihr Mann nichts bekommen.
Die Söhne Christian und Noah halten dagegen, ihre Mutter sei damals nicht testierfähig gewesen, und wollen mit Unterstützung ihres Vaters die gesetzliche Erbfolge durchsetzen. Weil das Paar bei ihrem Tod noch nicht geschieden war, stünde ihm dann gut ein Drittel des Nachlasses zu. Sein Anwalt sieht hinter den Vorwürfen gegen seinen Mandanten einen offenbar „orchestrierten Versuch“, aus Giuffres Tod finanziell Kapital zu schlagen.
Gerichtsunterlagen beziffern den Nachlass auf mindestens 472.000 australische Dollar, erwähnen aber nicht die Millionen, die Giuffre aus Vergleichen erhalten haben soll. „Good Weekend“ zufolge könnte er bis zu 30 Millionen australische Dollar wert sein.
Ermittlungen gegen Andrew laufen weiter
Die britische Polizei ermittelt weiter gegen Andrew Mountbatten-Windsor, den früheren Prinzen, der im Februar 2026 vorübergehend festgenommen worden war. Die Ermittler prüfen seit Mai auch mögliche Sexualdelikte und haben dafür Unterlagen zu Giuffres Vorwürfen angefordert. Der High Court erklärte am 8. Oktober die Durchsuchungsbeschlüsse für Royal Lodge in Windsor und sein Haus in Sandringham für rechtswidrig, die Ermittlungen laufen laut Polizei weiter. Andrew bestreitet jedes Fehlverhalten.

