Frank William Lauenstein, erst 9Live, jetzt Plugsurfing

Frank William Lauenstein verantwortete sechs Jahre lang die Programmplanung bei 9Live, dem profitabelsten und zugleich umstrittensten Anrufsender im deutschen Fernsehen. Heute leitet er das Deutschlandgeschäft von Plugsurfing, einem der größten Anbieter für Ladeinfrastruktur in Europa. Dazwischen liegen rund zehn Jahre, ein eigenes Start-up und mehrere Stationen, die mit Fernsehen nichts zu tun hatten.

Wie leise dieser Wechsel begann, lässt sich an seinem Abschied vom Fernsehen ablesen. Als der damalige 9Live-Geschäftsführer Marcus Wolter den Sender im Sommer 2008 verließ, ließ er über die Presse ausrichten, man sei dort „immer im besten Sinne gemeinsam hart am Wind gesegelt“. Lauenstein war zu diesem Zeitpunkt schon weg, Monate zuvor und ohne jedes Zitat. Sein Ausscheiden meldete die Fachpresse in wenigen Zeilen.


Zur Person Name: Frank William Lauenstein
Wohnort: Hamburg
Aktuelle Position: Head of Sales und Geschäftsführer bei Plugsurfing
Frühere Stationen: Leiter Programmplanung bei 9Live (2002–2008), Gründer von Driving Net
Branchen: erst Medien, dann Elektromobilität



Wer ist Lauenstein, und was macht er heute?

Seit 2018 arbeitet Lauenstein bei Plugsurfing, seit 2021 als Geschäftsführer und Vertriebschef für Deutschland. Das Berliner Unternehmen ist ein sogenannter E-Mobility Service Provider. Es betreibt selbst keine Ladesäulen, sondern bündelt fremde Netze zu einem einzigen Zugang: eine App, eine Abrechnung, ein Tarif für ganz Europa.

Nach Angaben des Unternehmens und Berichten von electrive verbindet Plugsurfing mehr als zwei Millionen Fahrer mit über einer Million Ladepunkten in 27 europäischen Ländern. Rund 500 Ladenetzbetreiber sind angeschlossen.

Lauensteins Aufgabe liegt im Geschäft mit Firmenkunden. Plugsurfing liefert die Technik im Hintergrund, oft als White-Label-Lösung unter fremdem Markennamen. Die Partner verteilen sich auf mehrere Bereiche:

  • Autohersteller: Polestar, Renault, Nissan, NIO, XPENG, VinFast und Zeekr
  • Flotten- und Mobilitätskunden: Ayvens, Stellantis, Sixt Share und Miles
  • Angeschlossene Ladenetze: unter anderem IONITY, Allego und EVBox

Gelegentlich meldet er sich auch selbst zu Wort. Im April 2024 schrieb er einen Gastbeitrag für das E-Mobility-Magazin Edison, einen nüchternen Ratgeber zum Laden im Europaurlaub. Welcher Anbieter wo funktioniert, wie das Roaming läuft, worauf man in Spanien oder Italien achten sollte. Von seiner früheren Branche kein Wort.

Die 9Live-Jahre: die Rolle hinter den Kulissen

Zwischen 2002 und 2008 leitete Lauenstein die Programmplanung der 9Live Fernsehen GmbH. Der Sender gehörte zu ProSiebenSat.1 und lief rund um die Uhr mit Anrufgewinnspielen. Zuschauer wählten teure Mehrwertnummern, um an Quizfragen teilzunehmen. Die meisten kamen nie durch, viele lösten das Rätsel trotzdem nicht. Gezahlt wurde so oder so.

Das Modell warf viel Geld ab. Auf dem Höhepunkt des Call-TV-Booms 2007 nahm 9Live nach Angaben der WirtschaftsWoche rund 100 Millionen Euro ein, bei einer Rendite von etwa 30 Prozent. Damit war es der profitabelste Fernsehsender Deutschlands.

Lauensteins Rolle lag im Hintergrund. Als Leiter der Programmplanung verantwortete er den Ablauf: welche Show zu welcher Uhrzeit lief, wie lange ein Format auf Sendung blieb, wie der Sendeplan zu den Einnahmen aus den Anrufen passte. Nicht der Moderator vor der Kamera, sondern der Mann, der den Takt vorgab.

Seinen Abgang im Frühjahr 2008 meldete der Branchendienst kress knapp: Lauenstein verlasse den Sender nach sechs Jahren im besten Einvernehmen und wolle sich zunächst eine mehrmonatige Auszeit nehmen. Wenig später baute 9Live die Führung um, im Sommer ging auch Wolter.

Eines ist für die Einordnung wichtig: Lauenstein war raus, bevor es für 9Live richtig kritisch wurde. Die strengere Gewinnspielsatzung der Landesmedienanstalten galt erst ab Februar 2009. Die hohen Bußgelder gegen den Sender und der große Manipulationsskandal kamen danach. 2011 schaltete ProSiebenSat.1 den Kanal endgültig ab.

Der Umweg dazwischen

Nach dem Fernsehen wurde der Weg unübersichtlich. 2009 und 2010 arbeitete Lauenstein selbstständig als Medienexperte, dazwischen lag eine kurze Station im Business Development bei einer Firma für Medien und IT.

2012 gründete er in Hamburg ein eigenes Unternehmen, die Driving Net GmbH. Laut Handelsregister (HRB 124817, Amtsgericht Hamburg) ging es um eine Online-Plattform zur Vermittlung von Fahrgemeinschaften. Stammkapital 25.000 Euro, Lauenstein alleiniger Geschäftsführer. Ein Mobilitäts-Start-up, mitten im ersten Ridesharing-Hype.

Groß wurde daraus nichts. Das Register führt die Firma später als aufgelöst, abgewickelt hat er sie selbst als Liquidator. Von 2016 bis 2018 arbeitete er im Business Development bei Vodafone in Hamburg. Erst danach kam der Wechsel in die Elektromobilität.

ZeitraumStationRolle
2002–20089Live Fernsehen GmbHLeiter Programmplanung
2009–2010selbstständigMedienexperte
2010–2011Firma für Medien und ITBusiness Development
2012–2015Driving Net GmbH, HamburgGründer und Geschäftsführer
2016–2018Vodafone, HamburgBusiness Development
seit 2018Plugsurfing GmbH, Berlinseit 2021 Geschäftsführer

Plugsurfing unter wechselnden Eigentümern

Während Lauenstein dort aufstieg, wechselte das Unternehmen mehrfach den Besitzer. Der finnische Energiekonzern Fortum übernahm Plugsurfing 2018 vollständig. 2022 verkaufte Fortum weiter an den US-Zahlungsdienstleister FLEETCOR, laut electrive für rund 75 Millionen Euro. Seit 2024 firmiert FLEETCOR unter dem Namen Corpay.

Lauenstein blieb durch alle Wechsel hinweg an Bord. Seine Aufgabe änderte sich dabei kaum: Hersteller und Flottenbetreiber als Kunden gewinnen und ihnen das Ladenetz zugänglich machen.

Was den Anrufsender mit der Ladesäule verbindet

9Live und Plugsurfing wirken wie zwei Welten. Der eine Sender galt vielen als Abzocke, das andere Unternehmen liefert Technik für die Elektromobilität. Die Mechanik dahinter ähnelt sich trotzdem.

Bei 9Live bestand die Aufgabe darin, möglichst viele Zuschauer zu einer kostenpflichtigen Handlung zu bewegen, dem Anruf. Bei Plugsurfing geht es darum, das Bezahlen an der Ladesäule so reibungslos zu machen, dass der Fahrer den Vorgang im Hintergrund kaum bemerkt. Beide Modelle verwalten große Mengen einzelner Transaktionen zwischen Verbrauchern und einer kommerziellen Plattform. Beide leben davon, diese Abläufe glatt und planbar zu halten.

Lauensteins Stärke war immer die gleiche, egal in welcher Branche: das Organisieren solcher Abläufe im großen Maßstab. Diese Fähigkeit ließ sich vom Anrufsender auf das Ladenetz übertragen. Der Zweck ist ein anderer, das Handwerk ist dasselbe.

Die Ehe mit Alida Kurras

In die Boulevardpresse kam Lauenstein vor allem durch seine Ehe. Am 15. Juli 2006 heiratete er die Fernsehmoderatorin Alida-Nadine Kurras, Siegerin der zweiten „Big Brother“-Staffel und damals selbst Moderatorin bei 9Live. Beide arbeiteten also beim selben Sender. Im Februar 2009 trennte sich das Paar, die Scheidung folgte im September 2010. Belegt ist das unter anderem über den Wikipedia-Eintrag zu Alida Kurras.

Die eine Phase, über die er schweigt

Eine Stelle bleibt in diesem ansonsten gut dokumentierten Lebenslauf offen. Seine Zeit bei 9Live hat Lauenstein öffentlich nie eingeordnet, weder in Interviews noch in seinem Edison-Beitrag. Das ist kein Vorwurf. Es ist aber die einzige Phase, zu der er selbst schweigt, während die übrigen Stationen in Pressemeldungen, Handelsregistern und Fachartikeln nachzulesen sind.

Was bleibt, ist ein Berufsweg durch zwei sehr verschiedene Branchen. Die eine endete in Bußgeldern und Abschaltung. Die andere zählt zur Verkehrswende. Dieselbe Person verbindet beide, und dasselbe Handwerk: große Mengen an Kundenkontakten so zu organisieren, dass am Ende ein funktionierendes Geschäft steht.

Mathias Fuerst
Mathias Fuersthttps://bundestribune.de/
Mathias Fuerst ist Chefredakteur von Bundes Tribune. Er berichtet über Breaking News, Promi-Nachrichten, Technologie, Sport und alles, was in Deutschland und der Welt passiert.

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