Exoskelett zum Heben: Welche Systeme entlasten bei körperlicher Arbeit?

Pakete aus Bodennähe aufnehmen, Bauteile bewegen, Paletten bestücken oder über mehrere Stunden in vorgebeugter Haltung arbeiten: Viele Tätigkeiten in Logistik, Produktion, Bau und Landwirtschaft lassen sich trotz zunehmender Automatisierung nicht vollständig durch Maschinen ersetzen.

Genau hier kommen Exoskelette zum Heben ins Spiel.

Sie werden am Körper getragen und sollen bestimmte Bewegungen unterstützen oder die Belastung einzelner Muskelgruppen reduzieren. Moderne Systeme reichen von leichten textilen Exosuits ohne Motor bis zu aktiven, elektrisch angetriebenen Exoskeletten mit Sensoren und automatischer Anpassung.

Wichtig ist allerdings: Ein Exoskelett macht aus einer schweren Last keine leichte Last und ersetzt weder Hebevorrichtungen noch ergonomische Arbeitsplatzgestaltung. Es ist vielmehr eine zusätzliche Assistenzlösung für Tätigkeiten, bei denen manuelle Arbeit weiterhin notwendig ist.

Wie funktioniert ein Exoskelett zum Heben?

Grundsätzlich lassen sich zwei Konzepte unterscheiden.

Passive Exoskelette

Passive Systeme besitzen keinen Motor und benötigen keinen Akku.

Federn, elastische Bänder oder andere mechanische Energiespeicher nehmen beispielsweise beim Vorbeugen Energie auf und geben einen Teil davon beim Aufrichten wieder zurück.

Das Prinzip ähnelt einer zusätzlichen elastischen Muskelschicht.

Der Vorteil liegt in geringem Gewicht, einfacher Wartung und einer langen Nutzungsdauer ohne Laden.

Aktive Exoskelette

Aktive Systeme verwenden Motoren beziehungsweise elektrische Aktuatoren.

Sensoren erkennen Bewegungen und können die Unterstützung abhängig von Tätigkeit, Körperposition oder Belastung anpassen.

Solche Lösungen bieten potenziell stärkere beziehungsweise flexiblere Assistenz, sind jedoch komplexer, schwerer und benötigen eine Energieversorgung.

Für welche Arbeiten eignen sich Hebe-Exoskelette?

Typische Einsatzbereiche sind:

  • Kommissionieren
  • Be- und Entladen
  • Palettieren
  • Maschinenbestückung
  • Montage
  • Boden- und Bauarbeiten
  • Landwirtschaft
  • wiederholtes Bücken
  • längeres Arbeiten in vorgebeugter Haltung

Entscheidend ist dabei nicht allein das Gewicht eines einzelnen Gegenstands.

Auch das wiederholte Heben kleinerer Lasten über eine komplette Schicht kann körperlich anspruchsvoll sein.

5 Exoskelette zum Heben im Vergleich

1. NAVEE EXO S Pro – aktive Unterstützung für Bewegung und Tragen

Der NAVEE EXO S Pro verfolgt eine andere Ausrichtung als klassische Industrie-Hebeexoskelette.

Das aktive System wiegt laut Hersteller etwa 1,8 kg und verwendet Sensoren sowie motorisierte Unterstützung, um unterschiedliche Bewegungsmuster zu erkennen.

NAVEE positioniert das Modell unter anderem für längeres Gehen, Outdoor-Aktivitäten sowie Situationen, in denen Lasten getragen werden. Das System bietet bis zu 960 Watt Spitzenleistung und einen austauschbaren 5.000-mAh-Akku.

Damit ist der EXO S Pro eher ein bewegungsorientiertes Wearable als ein klassisches industrielles Rückenexoskelett für repetitive Palettierarbeit.

Geeignet für: mobile Tätigkeiten, längeres Gehen und Tragen sowie Nutzer, die aktive Bewegungsassistenz suchen.

2. German Bionic Apogee – aktive Unterstützung für industrielle Arbeit

German Bionic gehört zu den bekanntesten deutschen Unternehmen im Bereich aktiver Industrie-Exoskelette.

Die Apogee-Serie verfolgt einen motorisierten Ansatz. Sensoren erfassen Bewegungen, während das System den Nutzer insbesondere bei Hebe- und Gehbewegungen unterstützen soll.

Der zentrale Unterschied gegenüber passiven Systemen liegt darin, dass Unterstützung nicht ausschließlich durch gespeicherte mechanische Energie entsteht. Ein aktives System kann seine Assistenz situationsabhängig bereitstellen.

Das macht solche Lösungen besonders für Unternehmen interessant, in denen viele Hebevorgänge wiederholt und unter unterschiedlichen Bedingungen stattfinden.

Auf der anderen Seite müssen Akku, Gewicht, Schulung und technische Wartung berücksichtigt werden.

Geeignet für: Logistik, Produktion und professionelle Arbeitsplätze mit häufigem Heben.

3. Ottobock Paexo Back – mechanische Rückenunterstützung

Ottobock verfolgt mit Paexo Back einen passiven Ansatz.

Das System wurde speziell für Tätigkeiten entwickelt, bei denen schwere Gegenstände gehoben werden. Beim Vorbeugen nimmt die Konstruktion Energie auf und gibt sie beim Aufrichten zurück.

Ottobock beschreibt eine Entlastungswirkung am unteren Rücken und setzt auf eine mechanische Konstruktion ohne batterieabhängigen Antrieb.

Ein Vorteil davon ist die vergleichsweise geringe technische Komplexität.

Der Nutzer muss keinen Akku laden und kann das System über längere Arbeitsperioden einsetzen.

Geeignet für: Logistik, Lager, Paketumschlag und wiederholtes Heben.

4. HUNIC SoftExo Lift – textiles System für wiederholtes Heben

HUNIC entwickelt verschiedene SoftExo-Systeme speziell für unterschiedliche körperliche Tätigkeiten.

Der SoftExo Lift ist auf Hebearbeiten ausgelegt. Daneben gibt es unter anderem SoftExo Carry für Tragetätigkeiten sowie SoftExo Hold für Arbeiten, bei denen Gegenstände länger gehalten beziehungsweise Überkopfarbeiten unterstützt werden sollen.

Diese Spezialisierung ist wichtig.

Ein Exoskelett, das den unteren Rücken beim Heben unterstützt, ist nicht automatisch die beste Lösung für Arbeiten über Schulterhöhe.

Unternehmen sollten daher zuerst die konkrete Belastung analysieren und anschließend das passende System auswählen.

Geeignet für: Unternehmen, die eine leichte, auf konkrete Arbeitsaufgaben spezialisierte Lösung suchen.

5. Auxivo LiftSuit – leichtes passives Exoskelett

Der Auxivo LiftSuit ist ein textiles passives Exoskelett für Rücken und Hüfte.

Es unterstützt insbesondere beim wiederholten Heben sowie bei längeren Tätigkeiten in vorgebeugter Körperhaltung.

Das System speichert beim Vorbeugen Energie über elastische Elemente und gibt sie beim Aufrichten zurück. Motor und Akku werden nicht benötigt. Auxivo nennt auf Basis kontrollierter Tests unter anderem reduzierte Muskelaktivität bei bestimmten Hebe- und Vorbeugeaufgaben.

Interessant ist außerdem die textile Bauform. Sie ermöglicht eine relativ freie Bewegung und kann in Situationen sinnvoll sein, in denen stationäre Hebehilfen nicht praktikabel sind.

Geeignet für: Kommissionierung, Produktion, Landwirtschaft und flexible Arbeitsbereiche.

Aktiv oder passiv: Was ist besser?

Das hängt von der Aufgabe ab.

Ein passives Exoskelett kann sinnvoll sein, wenn:

  • dieselbe Bewegung häufig wiederholt wird,
  • geringes Gewicht wichtig ist,
  • kein Akku gewünscht wird,
  • Wartungsaufwand gering bleiben soll.

Aktive Systeme werden interessanter, wenn:

  • unterschiedliche Bewegungen unterstützt werden sollen,
  • Assistenz automatisch angepasst werden soll,
  • Nutzer viel laufen und gleichzeitig körperlich arbeiten,
  • eine stärkere technische Unterstützung gewünscht ist.

Mehr Technik bedeutet jedoch nicht automatisch bessere Ergonomie.

Wie viel Gewicht kann man mit einem Exoskelett zusätzlich heben?

Diese Frage wird häufig falsch gestellt.

Ein Exoskelett sollte nicht dazu verwendet werden, die zulässigen manuellen Lasten einfach zu erhöhen.

Wenn ein Mitarbeiter ohne Exoskelett einen Gegenstand aus ergonomischen oder sicherheitstechnischen Gründen nicht heben sollte, bedeutet das Tragen eines Exoskeletts nicht automatisch, dass die Tätigkeit plötzlich unproblematisch ist.

Ziel ist vielmehr, die körperliche Beanspruchung bei ohnehin notwendigen Tätigkeiten zu reduzieren.

Worauf sollten Unternehmen vor dem Kauf achten?

Ein Exoskelett sollte idealerweise nicht direkt für eine komplette Belegschaft gekauft werden.

Sinnvoller ist eine Pilotphase.

Dabei sollte geprüft werden:

  • Welche Bewegungen verursachen die größte Belastung?
  • Wie lange wird das System getragen?
  • Kann sich der Nutzer ausreichend frei bewegen?
  • Entstehen neue Druckstellen?
  • Funktioniert das System bei allen notwendigen Tätigkeiten?
  • Wie einfach lässt es sich an- und ausziehen?
  • Akzeptieren Mitarbeiter die Lösung?

Auxivo empfiehlt beispielsweise ausdrücklich eine Analyse des Arbeitsplatzes und eine Pilotphase vor einem größeren Rollout.

Fazit: Exoskelett nach Tätigkeit auswählen

Beim Exoskelett zum Heben gibt es keinen universellen Testsieger.

German Bionic steht für aktive industrielle Systeme. Ottobock und Auxivo zeigen, wie wirkungsvoll passive Konzepte für Rücken und Hüfte sein können. HUNIC bietet auf konkrete Tätigkeitsarten zugeschnittene SoftExos.

Der NAVEE EXO S Pro verfolgt dagegen einen stärker bewegungsorientierten Ansatz und verbindet Motorunterstützung mit Gehen, Outdoor-Einsatz und Tragesituationen.

Vor der Kaufentscheidung sollte deshalb niemals zuerst nach der höchsten Unterstützungsleistung gefragt werden.

Die bessere Frage lautet:

Welche Bewegung soll bei welcher Tätigkeit über mehrere Stunden sinnvoll unterstützt werden?

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