Warum der Mund der empfindlichste Sensor des Körpers ist

Ein menschliches Kopfhaar ist etwa 60 bis 80 Mikrometer dick. Zwischen den Backenzähnen erkennt ein Mensch eine Metallfolie von rund 16 Mikrometern, also knapp ein Viertel Haar. Wer bei 16 Mikrometern zuverlässig „ja“ sagt und beim Leertest „nein“, hat einen Sensor im Kiefer, an den keine Fingerkuppe heranreicht.

Der Wert schwankt von Mensch zu Mensch erheblich. In Untersuchungen an Gesunden reicht die Spanne von zwei bis über siebzig Mikrometer, und sie verschlechtert sich mit dem Alter. Es gibt also Menschen, die einen zu hohen Kontakt tagelang nicht bemerken, und andere, die im Behandlungsstuhl über Abweichungen klagen, die der Zahnarzt auf der Folie kaum sieht. 

Der Zahn fühlt gar nichts

Der Zahn selbst ist Mineral und spürt nichts. Gefühlt wird die Aufhängung.

Zwischen Zahnwurzel und Kieferknochen liegt eine Bindegewebsschicht von ungefähr zwei Zehntelmillimetern, das Desmodont. Der Zahn steht nicht im Knochen, er hängt darin, aufgespannt von Fasern wie in einer Hängematte. In diesen Fasern sitzen Mechanorezeptoren. Beim Zubeißen sinkt der Zahn ein paar Mikrometer in sein Fach, die Fasern verformen sich, die Rezeptoren feuern.

Der Apparat arbeitet nicht nur als Messgerät, sondern auch als Bremse. Die gleichen Rezeptoren steuern den Kieferöffnungsreflex und dosieren die Kaukraft. Deshalb beißt niemand mit voller Kraft auf einen Kirschkern, obwohl der Kiefer die Kraft hätte. Der Reflex ist schneller als der Vorsatz.

Die weiße Linie in der Wange

Wo die Geometrie nicht stimmt, meldet sich der Nachbar. Fast jeder Mensch hat innen an der Wange eine feine weiße Linie auf Höhe der Zahnreihe, die Linea alba. Sie entsteht, weil die Schleimhaut dort ständig leicht angesaugt und gedrückt wird.

Aus der Linie kann mehr werden. Ein Backenzahn, der ein wenig zu weit außen steht, ein überstehender Kronenrand, eine Kaufläche, die ein paar Zehntel zu breit ausfällt: In allen Fällen verengt sich der Raum, in dem die Wange eigentlich unbehelligt liegen sollte, und sie gerät zwischen die Zahnreihen. Das Ergebnis ist Wangenbeißen, in der Fachsprache Morsicatio buccarum, mit verdickten, weißlich aufgerissenen Arealen, die man schwer wieder loswird.

Chronisches Wangenbeißen gilt auch als körperbezogenes repetitives Verhalten, verwandt mit Nägelkauen oder dem Zupfen an der Haut, und tritt gehäuft bei Anspannung und Konzentration auf. Betroffene bemerken es oft erst, wenn es weh tut.

Was passiert, wenn der Sensor ausgebaut wird

Bei einer Zahnentfernung geht das Desmodont mit. Ein Implantat verwächst direkt mit dem Knochen, ohne Hängematte, ohne Fasern, ohne die Rezeptoren, die vierzig Jahre lang die Feinmessung gemacht haben.

Trotzdem sind Implantatträger nicht gefühllos. Der Kiefer baut einen Ersatzkanal auf, die sogenannte Osseoperzeption: Rezeptoren im umliegenden Knochen, in Muskeln, Sehnen und Gelenk übernehmen einen Teil der Arbeit, und das Gehirn lernt, die gröberen Daten neu zu deuten.

Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Medicina hat die publizierten Schwellenwerte zusammengetragen: rund 16 Mikrometer bei natürlichen Zähnen, 23 Mikrometer bei implantatgetragenem Zahnersatz und 64 Mikrometer bei der klassischen Vollprothese

Eine Übersicht klinischer Studien ergänzt noch zwei Details, die im Alltag zählen. Erstens verbessert sich die Empfindlichkeit mit der Zeit unter Belastung, das Gehirn kalibriert also nach. Zweitens fühlt ein Implantat deutlich besser, wenn ihm ein natürlicher Zahn gegenübersteht, als wenn es auf ein zweites Implantat trifft.

Der Fall, in dem gar nichts mehr gegenüber steht

Wer sich für komplett Zahnimplantate in der Türkei oder für Versorgung in einer deutschen Praxis entscheidet, bekommt eine neue Geometrie, und zwar in beiden Kiefern gleichzeitig. 

Die ersten Wochen danach sind deshalb berechenbar unangenehm. Die Zunge stößt an Kanten, die es vorher nicht gab. Zischlaute sitzen falsch. Die Wange gerät dazwischen, weil sie einen Raum vermisst, den es seit dem Eingriff so nicht mehr gibt. 

Das dauert. In den Studien zur Osseoperzeption verbessern sich die Werte über Monate, nicht über Tage. Wer die Sanierung plant, sollte mit dieser Zeit rechnen und mit mindestens einem Korrekturtermin, an dem jemand die Kauflächen anschaut, bevor aus der gereizten Stelle ein Dauerzustand wird.

Der Mund ist das einzige Organ, das wir vollständig umbauen lassen und von dem wir anschließend erwarten, dass es ohne Einweisung weiterarbeitet. Erstaunlicherweise tut er das. Er möchte nur nicht gehetzt werden.

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