Fast zwanzig Jahre lang hat Sonja Jürgens die Geschichte ihrer Herkunft selbst erzählt, freundlich und mit einem Schlager als Beleg. Seit der Nachlass von Udo Jürgens die Tagebücher geöffnet hat, steht eine zweite Fassung daneben. Gesagt hat die Stylistin dazu bisher nichts.
Im August 2006 saß ein Reporter der B.Z. der ältesten Tochter des Sängers gegenüber und notierte, man müsse ein paar Mal genau hinsehen. Man müsse sie zum Lachen bringen und auf Augen, Lippen und Zähne achten, dann erkenne man die Ähnlichkeit. Sie war vierzig, sprach mit Wiener Akzent und gab ihr erstes ausführliches Interview über ihren Vater.
Auf ihre Mutter kam sie von selbst zu sprechen. „Der Klassiker“, sagte sie: 17 Jahr, blondes Haar. Ihr Vater habe ihre Mutter unglaublich schön gefunden, wie Brigitte Bardot habe sie ausgesehen. Der Reporter schrieb es als Anekdote auf.
Das Lied war 1965 erschienen, im Januar darauf kam sie zur Welt. In den vier Jahrzehnten dazwischen lief es im Radio und auf Hochzeiten, und den Text las niemand als Bericht.
Inhaltsverzeichnis
Was im Tagebuch von Udo Jürgens steht
Im Dezember 2024, zehn Jahre nach seinem Tod, zeigte das Erste die Dokumentation „UDO!“. Der Nachlass hatte dafür erstmals Tagebücher, Briefe, Tonbänder und Privatfilme freigegeben. Im April 2025 veröffentlichte der Münchner Merkur einen dieser Einträge.
Jürgens beschreibt darin ein Mädchen mit blondem, schulterlangem Haar und hält fest, dass sein Ruf als Schürzenjäger sie nicht gestört habe. Dann folgt der Satz, um den es geht: „Sechs Monate später bekam ich einen Brief: Unser Beisammensein ist nicht folgenlos geblieben.“
Nach Darstellung der Dokumentation war das Mädchen siebzehn. Jürgens war zu dieser Zeit mit Erika „Panja“ Meier verheiratet, der gemeinsame Sohn John noch ein Kleinkind. Mit dem Vater des Mädchens traf der Sänger dem Film zufolge eine Abmachung und kam ohne Folgen davon. Panja äußert sich darin deutlich über ihn: Er habe nicht aufgepasst, entschuldigen lasse sich daran nichts.
Der Eintrag liest sich wie die Schilderung einer einzelnen Begegnung, auf die ein halbes Jahr später ein Brief folgte, und damit anders, als seine Tochter es erzählt hatte.
In der VOX-Dokumentation zum 85. Geburtstag ihres Vaters hatte sie 2019 beschrieben, wie schwer er zu konfrontieren gewesen sei, weil er das nicht gewollt habe. Sie nannte ihn „süchtig nach Harmonie“. Alles habe in Ordnung wirken müssen.
Ihre Version steht seit 2008 im Druck
„Es war kein One-Night-Stand, es war schon eine längere Beziehung.“
Sonja Jürgens in einem Fernsehinterview, zitiert von der Berliner Morgenpost im Juli 2008
Die B.Z. hatte die Mutter zwei Jahre zuvor als kurze Affäre bezeichnet. Genau das stellte die Tochter richtig. Ihre Mutter sei jung gewesen, habe das Kind aber sofort behalten wollen, und ihr Vater habe nie an ihr gezweifelt.
Es war eine Richtigstellung zugunsten einer Frau, die selbst nie gesprochen hat. Die Mutter, eine junge Wienerin, hielt sich und das Kind aus der Presse heraus; ihr Name ist bis heute nicht bekannt. Was über sie öffentlich ist, stammt von ihrer Tochter, seit Dezember 2024 auch aus den Aufzeichnungen des Mannes, der sie kannte.
Aufgewachsen ist Sonja Jürgens bei den Großeltern in Wien, ohne dass die Öffentlichkeit davon wusste. Ihr Vater erkannte die Vaterschaft an, zahlte, besuchte sie und nahm sie mit in sein Haus in Portugal. Seinen Nachnamen ließ sie sich in den Pass eintragen.
Steckbrief
- Geboren am 11. Januar 1966 in Wien, heute 60 Jahre alt
- Älteste Tochter von Udo Jürgens, aufgewachsen bei den Großeltern
- Halbgeschwister: John und Jenny Jürgens sowie Gloria Burda
- Beruf: Fashion- und Prop-Stylistin, Beratung für Künstler aus Musik und Film
- Verheiratet seit 2003 mit dem US-Architekten Nicholas Barsan, Sohn Milo
- Lebt seit 2023 abwechselnd in Berlin und New York
- Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen SPD-Politikerin (Jahrgang 1978), die von 2013 bis 2018 Bürgermeisterin von Gronau war
Entdeckt bei einer Modenschau
Bis zu ihrem 29. Lebensjahr sei sie nie in der Öffentlichkeit gewesen, sagte sie der B.Z., so sei es gewollt gewesen und so habe es funktioniert. Beendet hat das ein Fotograf. Sie wurde mit ihrem Vater bei einer Modenschau abgelichtet, und eine Zeitung hielt die junge Frau an seiner Seite für seine neue Geliebte.
Um das zu klären, gab sie dem österreichischen Magazin „News“ ein einziges Interview. Danach setzten Reporter ihr nach und boten Geld für ihre Adresse. Sie ging nach New York, um herauszufinden, wer sie ohne ihren Vater war.
Neun Jahre blieb sie dort. Als Stylistin arbeitete sie sich bis zur amerikanischen Talkshow „Regis & Kelly“ hoch und traf bei der Arbeit Gwyneth Paltrow, Catherine Zeta-Jones, Nina Ricci und Seal. 2003 heiratete sie den amerikanischen Architekten Nicholas Barsan, 2004 zog die Familie an den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg.
Kurz darauf stellte sie sich freiwillig vor eine Kamera. Im ZDF-Fernsehgarten übernahm sie sonntags die Rubrik „Vorher-Nachher“ und stylte dort gemeinsam mit Promi-Friseur Udo Walz und Visagist René Koch die Gäste. Google führt sie bis heute als Fernsehshow-Moderatorin. Moderiert hat sie in der Sendung allerdings nicht. Parallel arbeitete sie weiter als Stylistin für Magazine.
Im Testament nur der Pflichtteil
Udo Jürgens starb am 21. Dezember 2014 im schweizerischen Gottlieben an akutem Herzversagen, mit 80 Jahren. Am 19. Januar 2015 kam seine Tochter ins Rote Rathaus in Berlin, stellte sich zwischen die Fans in der Schlange und trug sich ins Kondolenzbuch ein. Neben ihr stand Manfred Bockelmann, der Bruder des Sängers.
Sein Testament vom April 2013 regelte den Nachlass so:
- Haupterben sind John und Jenny Jürgens, die Kinder aus der Ehe mit Panja
- Die unehelichen Töchter Sonja Jürgens und Gloria Burda erhalten den Pflichtteil, Berichten zufolge jeweils gut acht Millionen Euro
- Der Nachlass wird auf rund 50 Millionen Euro geschätzt
- Der Erbstreit dauerte vier Jahre und endete im November 2018
Geführt wurde dieser Streit nicht mit ihr, sondern mit ihrer Halbschwester Gloria Burda. Nach der Einigung sagte John Jürgens der Neuen Post, die Sachwerte wie Immobilien, Kunst und Grundbesitz gingen an ihn, Jenny und Sonja, die übrigen bekämen Geld.
Rechtlich blieb sie damit außerhalb der Erbengemeinschaft. Über den Nachlass, aus dem die Tagebücher stammen, konnte sie nicht mitbestimmen.
Seit Dezember 2024 kein Wort
Auf die Veröffentlichung hat Sonja Jürgens öffentlich nicht reagiert. Keine Bestätigung, keine Richtigstellung.
Zu sehen war sie trotzdem. Am 30. September 2025, dem Geburtstag ihres Vaters, stellte sie ein Foto aus New York auf Instagram und schrieb, man denke jedes Jahr an ihn, wo immer man auch sei. Unterschrieben war der Beitrag mit ihrem Namen und denen ihres Mannes und ihres Sohnes.
Ihre Halbgeschwister ziehen sich unterdessen zurück. Jenny Jürgens erklärte im Mai 2026, sie werde nicht mehr vor eine Kamera und nicht mehr auf eine Bühne treten. Von John Jürgens hört man selten.
Beruflich macht sie weiter, was sie in New York gelernt hat. Auf ihrer Website beschreibt sie ihre Arbeit als Fashion- und Prop-Styling und als Beratung für Künstler aus Musik und Film; für die Deutsche Grammophon betreute sie zuletzt den Pianisten Nobuyuki Tsujii bei zwei Albumproduktionen.
Im Frühjahr 2026 war sie in Wien, der Stadt, in der sie geboren wurde und in der ihre Mutter bis heute nicht genannt wird. Der Designer Atıl Kutoğlu fotografierte sie im Grand Hotel in seiner neuen Kollektion und wies in der Bildunterschrift auf ihren Vater hin. Ein paar Tage später gingen die beiden ins MAK, in die Helmut-Lang-Ausstellung.

